Religiöse Bildung als sprachliche Bildung – Einführung in den Thementeil


Stefanie Lorenzen/Karlo Meyer/Mirjam Zimmermann


Zusammenfassung

Das Editorial führt in das Thema des Teilheftes ein und gibt einen Überblick über die Artikel.

Schlagwörter: Sprachfähigkeit, sprachliche Bildung, Religionspädagogik


Religious education as linguistic education – Introduction to the Section on the Topic


Abstract

The editorial of this section introduces the topic and the articles that follow.

Keywords: linguistic education, Religious Education

Religiöse Bildung als sprachliche Bildung – Einführung in den Thementeil

Die Frage nach der Bedeutung von Sprache für religiöse Bildungsprozesse gewinnt in einer zunehmend pluralen und mediatisierten Gesellschaft immer größere Relevanz. Weil mit und durch Sprache Erfahrungen artikuliert, Traditionen weitergegeben und Deutungen ausgehandelt werden, ist Sprache dabei nicht nur ein Medium der Vermittlung, sondern konstituiert selbst religiöse Wirklichkeit: Religiöse Bildung ist daher stets auch sprachliche Bildung und in deren Zuge Entwicklung der Anschauung von Welt!

Das vorliegende Themenheft „Sprache und religiöse Bildung“ nimmt diese grundlegende Verschränkung in den Blick und versammelt Beiträge, die aus unterschiedlichen Perspektiven danach fragen, in welcher Form Sprache und religiöse Bildung verwoben sind, wie z. B. in/durch (Bibel-)Übersetzungen, die Verwendung inklusiver bzw. geschlechtergerechter Sprache bei der Darstellung religiöser Inhalte, beim konfessionssensiblen Sprechen oder bei der Frage danach, wie religiöse Sprache in medialen Zusammenhängen Verwendung findet. Dabei werden sowohl didaktische Herausforderungen – etwa im Kontext von Mehrsprachigkeit/Fremdsprachendidaktik, Heterogenität und digitalen Kommunikationsformen – als auch grundlegende theoretische Fragen nach sprachlichen Kompetenzen für religiöse Inhalte thematisiert.

Ziel unseres Heftes ist es, die Aufmerksamkeit für die sprachliche Dimension religiöser Bildung zu schärfen und Impulse für Forschung und Praxis zu geben. Denn nur dort, wo Sprache zielgerichtet, reflektiert und sensibel eingesetzt wird, kann religiöse Bildung ihrem eigenen Anspruch gerecht werden, einerseits Verstehen zu ermöglichen und andererseits zur eigenständigen Deutung von Welt und Glauben zu befähigen.

Die einzelnen Beiträge in diesem Heft

Die beiden ersten Beiträge behandeln unterschiedliche Aspekte des Übersetzens: die kreative Übertragung theologischer Fachbegriffe in lebensweltlich anschlussfähige Ausdrucksformen einerseits, die Verwendung einfacher Sprache andererseits.

Christian Hild nimmt die Übersetzungstheorien von Walter Benjamin und Jaques Derrida auf und fragt nach ihrem Potential zum Umgang mit religionsbezogenen Fachbegriffen. Dabei geht es ihm darum, Schülerinnen und Schüler selbst in Übersetzungsprozesse einzubinden, nicht nur, um einzelne Worte fachlich zu definieren, sondern um für sie relevante inhaltliche Linien sach- und subjektorientiert auszuziehen.

Georg Plasger erörtert als systematischer Theologe kritisch die Verwendung von leichter bzw. einfacher Sprache für theologische Inhalte in der (Hochschul-)Lehre. Seine Grundthese lautet: Eine durchgängige Verwendung leichter bzw. einfacher Sprache würde für die Theologie und die Religionspädagogik problematische Komplexitätsreduktionen bewirken, denen eher paternalistische Entscheidungen zugrunde lägen.

Die folgenden drei Artikel widmen sich dem Thema „Sprache und religiöse Bildung“ aus fachdidaktischer Perspektive, indem Anleihen aus der Deutsch- bzw. Literatur- und Fremdsprachendidaktik genommen und für den Religionsunterricht fruchtbar gemacht werden.

Tanja Gojny fragt mit Blick auf den Bereich Sprache im Kontext der Deutschdidaktik, welche Überschneidungsbereiche es hier mit der Religionsdidaktik gibt und wie möglicherweise kooperativ an der Entwicklung sprachlicher Kompetenzen von Schülerinnen und Schüler gearbeitet werden kann. Vorgestellt wird, wie Impulse aus der Deutschdidaktik bezüglich der einzelnen Kompetenzbereiche mit Gewinn im Religionsunterricht aufgenommen werden könnten.

Georg Langenhorst stellt in seinem Beitrag eine Reihe von Kinderbüchern vor, denen es gelingt, über Bilder, Fragen und Impulse Nachdenken und Gespräche anzustoßen. Dabei zeigt er am Genre der Bilderbücher – an Werken über Tod und Sterben und an Geschichten zu und über Gott – wie den Autorinnen und Autoren die Sensibilisierungen für ein Gebiet und damit verbunden eine Vertiefung von sprachlichen Zugängen gelingt: „Sehnsucht wird so benennbar, Gottsuche ermöglicht, der Tod seiner Unfassbarkeit entzogen.“

Ausgehend vom grundsätzlichen Befund sprachlicher Heterogenität im Klassenzimmer untersuchen Tabea Fuchs und Monika Fuchs, wie didaktische Konzepte aus dem Bereich Deutsch als Zweit- bzw. Deutsch als Fremdsprache (konkret: Scaffolding/Robustes Wortschatztraining) zu einer methodisch besser abgestützten Sprachsensibilität und Sprachförderung im Religionsunterricht beitragen können. Dabei geht es nicht nur um das fachlich korrekte Verstehen und Gebrauchen religiöser und theologischer Begrifflichkeiten, sondern auch darum, diese mit eigenen Erfahrungen in Verbindung zu setzen.

Peter Green hat im Rahmen eines Projektes mit Kolleginnen und Kollegen der Universität Erlangen-Nürnberg ein englisch-deutsches Glossar zu Themen um Religions, Worldviews, Ethics erarbeitet, das dazu beitragen kann, fachliche Begriffe präzise in die jeweils andere Sprache zu übersetzen, um z. B. in einem bilingualen Religionsunterricht eingesetzt zu werden. Im Zuge seiner Beschreibung des Projekts macht er deutlich, wie dies von Lernenden, Studierenden und Lehrenden genutzt werden kann. Gegenüber digital vorgeschlagenen (z. B. DeepL), derzeit oft fachlich unzureichenden Übersetzungsvorschlägen, ist so eine Fundgrube für sprachliche Klärungen entstanden, deren Aufbau und Genese Green darstellt.

Zwei empirisch basierte Beiträge liefern Erkenntnisse zu möglichen Wirkungen religionsdidaktischer Interventionen sowie zu religiösen Sprachpraktiken von Jugendlichen im digitalen Raum.

Carsten Gennerich, Florina Brehm, Nara Holderrieth und Lisa Jägle erweitern in ihrem Artikel eine vorangehende Studie zum Erfolg der Psalmendidaktik nach Baldermann für die Entwicklung von Sprachfähigkeit bei Kindern. In drei Grundschulen und fünf unterschiedlichen Klassen wurde im Zuge eines Ǫuasi-Experiments geprüft, wieweit sich Änderungen im Blick auf den Emotionswortschatz und die Hoffnungskompetenz einstellen.

Stefan Altmeyer und Paula Schöttke analysieren mit Hilfe einer korpuslinguistischen Fallstudie, wie Jugendliche im Netz religiös sprechen bzw. über Religion kommunizieren. Sie können zeigen, dass sich allgemeine Merkmale jugendlicher Kommunikation im digitalen Raum – konkret: Hybridität, Multimodalität, Performativität sowie Resonanzorientierung und Positionierungslogiken – auch für den Bereich Religion feststellen lassen. Dabei ist gerade der schnelle Wechsel zwischen verschiedenen Modi religiöser Kommunikation charakteristisch: Bekenntnishaftes, wissensorientiertes oder erfahrungsbezogenes Sprechen gehen fließend ineinander über. Gefordert ist daher u. a. die Fähigkeit, diese Formen unterscheiden und einordnen zu können.

Abschließend geht es um die Frage der sprachlichen Konstruktion von Heterogenität am Beispiel der Konfessionalität: Konstantin Lindner und Stefanie Lorenzen arbeiten in einer explorativen Studie heraus, wie „Konfessionen“ in vier bayerischen Schulbüchern sprachlich repräsentiert und modelliert werden. Dabei gelingt es, unterschiedliche sprachliche Konstruktionen der Abgrenzung und Identifizierung, der inklusiven und exklusiven Vergemeinschaftung, der Etablierung von Nähe und Distanz etc. kenntlich zu machen.

Die vergleichende Durchsicht der Beiträge macht die Vielfalt möglicher Forschungsthemen und -ansätze im Bereich „Sprache und religiöse Bildung“ deutlich. In Frage stehen

All diese Ansätze verweisen darauf, dass Religion in ihren äußerst vielfältigen Facetten maßgeblich durch Sprache konstituiert ist und durch Sprache angeeignet wird. Die bewusste und kontinuierliche Arbeit im Feld „Sprache und Religion“ gehört daher zu den grundständigen Aufgaben der Religionspädagogik.


Dr. Stefanie Lorenzen, Professorin für Religionspädagogik an der Universität Bamberg

Dr. Karlo Meyer, Professor für Religionspädagogik an der Universität des Saarlandes

Dr. Mirjam Zimmermann, Professorin für Religionspädagogik an der Universität Siegen

Theo-Web Nr. 1/2026, ISSN 1863-0502 Open Access, Licence: CC BY 4.0 International © 2026 Meyer/Schwarz