Auf dem Weg zur eigenen Theologie
Die qualitativ-empirische Theorie der Auseinandersetzung Studierender mit theologischen Fragen
Carolin M. Altmann
Zusammenfassung
Im überarbeiteten EKD-Text 96 zur theologisch-religionspädagogischen Professionalität evangelischer Religionslehrer:innen nimmt die Ausbildung einer eigenen Theologie einen wichtigen Stellenwert ein. Der vorliegende Beitrag setzt dieses normative Ziel mit der qualitativ-empirisch entwickelten Theorie der Auseinandersetzung Studierender mit theologischen Fragen in Beziehung, die aufzeigt, dass Lehramtsstudierende mit Fach Religion tatsächlich vielfach Motivation(en) mitbringen, sich über eigene theologische Positionen bewusst zu werden und diese weiterzuentwickeln, um so ihre Identität zu klären und zu sichern. Zuletzt wird als hochschuldidaktischer Ausblick eine beispielhafte entwickelte Seminarkonzeption zur Förderung der eigenen Theologie vorgestellt, die Studierende mit ihren Fragen als Subjekte und „Co-Agents“ in den Fokus rückt.
Schlagwörter: Theologie, Theologiestudent, Hochschuldidaktik, Grounded Theory
On the path to one's own theology
The qualitative-empirical Theory of students’ engagement with theological questions
Abstract
In the revised EKD Text 96 on the theological and religious education professionalism of Protestant religious education teachers, the development of a personal theology plays an important role. This article links this normative goal with the qualitatively-empirically developed Theory of students’ engagement with theological questions, which shows that teacher training students majoring in religion do indeed often have motivations to become aware of their own theological positions and to develop them further in order to clarify and secure their identity. Finally, as a university didactic outlook, an exemplary seminar concept for promoting one's own theology is presented, which focuses on students with their questions as subjects and “co-agents.”
Keywords: Theology, Theology Student, University Teaching, Grounded Theory
In der jüngst erschienenen Neuauflage des EKD-Textes 96 zur theologisch-religionspädagogischen Professionalität evangelischer Religionslehrer:innen (EKD, 2025) nimmt das Ziel der Entwicklung einer eigenen Theologie einen wichtigen Stellenwert ein. Deutlich wird dies etwa in folgendem Gedanken: „Die einzelnen angehenden Religionslehrer:innen sind zur Entwicklung einer ‚eigenen Theologie‘ herausgefordert, in der sie interdisziplinäres Fachwissen, reflektierte bzw. transparente Positionalität […] und Selbstreflexion […] zusammenführen“ (EKD, 2025, 36). Insbesondere zu lehrplanbezogenen Themen sollen Religionslehrkräfte über fundiertes theologisches Fachwissen verfügen (EKD, 2025, 79), das aber nicht für sich selbst stehend zu denken ist, sondern das von der jeweiligen Lehrkraft immer wieder auf einer individuell-persönlichen Ebene mit eigenen Auffassungen zur Theologie bzw. zum „Christlichen“ verbunden werden soll (EKD, 2025, 7). Entsprechend sollen (angehende) Religionslehrkräfte über alle Phasen der Lehrkräftebildung hinweg Möglichkeiten vorfinden, um sowohl ihre theologische Urteilsfähigkeit zu stärken (EKD, 2025, 20) als auch selbstreflexiv beispielsweise eigene religiöse Praxen oder Haltungen zu bedenken: „Stets geht es darum, ein vorbewusstes, aber gleichwohl wirksames Set an Überzeugungen in eine reflektierte und transparente Auffassung zu überführen und damit professionell bearbeitbar zu machen“ (EKD, 2025, 54-55).
Als Ziel einer sich solchermaßen ausbildenden eigenen Theologie wird das auch im Koblenzer Konsent beschriebene Transparenzgebot (EKD, 2) ausgewiesen: Religionslehrkräfte sollen im Unterricht angesichts behandelter Inhalte in der Lage sein, selbst transparent und begründet Positionen zu beziehen. Hierbei wird betont, dass die Religionslehrkraft nicht nur in der Rolle der didaktisch und fachlich versierten Pädagogin auftreten, sondern sich im schulischen Geschehen zugleich als individuelle Person mit eigenen Bezügen zu den behandelten Themen erkennbar zeigen soll (EKD, 2025, 20) – immer im diskursbereiten Bewusstsein dessen, dass die eigene Perspektive begrenzt ist (EKD, 2). Die Idee einer eigenen Theologie reicht jedoch noch über die Ausbildung von unterrichtlicher Positionierungsbereitschaft zu verschiedenen theologischen Sachverhalten hinaus: Idealerweise sollen Religionslehrkräfte durch die Fülle verschiedener theologischer Themen hindurch einen eigenen roten Faden finden bzw. einen solchen entwickeln (EKD, 2025, 20).
Ausgehend von einer solchermaßen umfassend gedachten eigenen Theologie fokussiert sich der vorliegende Beitrag auf einen bestimmten Baustein der Arbeit an selbiger: Es geht es um die Auseinandersetzung Studierender mit theologischen Fragen. Wenn sich Studierende von Beginn ihres Studiums an mit theologischen Fragen beschäftigen und mithilfe fachwissenschaftlicher Theologie sowie selbstreflexiver Erkenntnisse eigene (vorläufige), transparente und reflektierte Positionen entwickeln, schulen sie ihre theologische Urteilsfähigkeit und begeben sich – so die ideale Theorie – auf den Weg zu einer komplexer entwickelten eigenen Theologie.
Wie aber sieht es mit der Empirie aus? Wie stehen wohl Studierende selbst zum hochschuldidaktisch anvisierten Ziel, im Studium immer wieder an der eigenen Theologie arbeiten zu sollen und in dieser Arbeit nicht zuletzt von universitärer Seite begleitet und gefördert zu werden? Und inwiefern geschieht eine solche Arbeit an der eigenen Theologie dann auch tatsächlich? Hinweise auf diese Fragen kann die an anderer Stelle von mir qualitativ-empirisch entwickelte Theorie der Auseinandersetzung Studierender mit theologischen Fragen geben (Altmann, 2023), die im Rahmen dieses Beitrags überblicksartig präsentiert wird. Hierdurch wird der normative Anspruch der Entwicklung einer eigenen Theologie mit empirisch erhobenen Perspektiven Studierender ins Gespräch gebracht.
Ausgehend von der meiner Studie vorausgegangenen Forschungsfrage, inwiefern sich Studierende mit Lehramt Religion mit theologischen Fragen auseinandersetzen und warum genau sie dies tun, habe ich eine auf Daten Studierender gegründete Theorie entwickelt, die in Kapitel 3 ausführlicher dargestellt wird. In der von mir so benannten Theorie der Auseinandersetzung Studierender mit theologischen Fragen habe ich aufgezeigt, dass Lehramtsstudierende mit Fach Religion tatsächlich vielfach Motivation(en) mitbringen, sich über eigene theologische Positionen bewusst zu werden und diese weiterzuentwickeln, um so ihre Identität zu klären und zu sichern. Viele Studierende haben demnach den Wunsch, sich im Studium vertieft mit theologischen Fragen auseinanderzusetzen. Sie wollen nach eigenen theologischen Positionen suchen und diese (weiter) entwickeln – und tun dies auch.
Damit befinden sich Lehramtsstudierende mit Fach Religion als wahre „Co-Agents“ (EKD, 2025, 9) schon längst auf dem Weg zu ihrer eigenen Theologie und wollen auf diesem Weg weiter voranschreiten. Gleichzeitig benötigen sie dabei aber in der Tat nicht nur vielfältige Inspirationen und Denkanstöße, sondern zudem gezielte universitäre Unterstützung und Begleitung. Nach der Präsentation der qualitativ-empirischen Forschung soll in Kapitel 4 daher ausblicksartig eine beispielhafte und von mir entwickelte hochschuldidaktische Seminarkonzeption zur Förderung einer eigenen Theologie Studierender vorgestellt werden – denn Ansätze dieserart müssen „für Belange des Studiums durchaus noch weiter ausgearbeitet werden“ (Bienert/Hailer, 2025, 128).
Entwicklung der Forschungsfrage
Empirische Erhebungen unter Lehramtsstudierenden mit dem Fach Evangelische bzw. Katholische Theologie liegen inzwischen zahlreich vor – einen Überblick über die Studien geben etwa Ulrich Riegel und Mirjam Zimmermann (2022, 20-29) oder Monika Fuchs und Florian Wiedemann (2022, 13-26).
Empirische Bezüge zur normativ erwünschten Arbeit an der eigenen Theologie lassen sich dabei insbesondere in den häufig erhobenen Studienmotiven finden. Eine Metaanalyse von Fuchs und Wiedemann, die groß angelegte quantitative Erhebungen zu Studienmotiven im deutschsprachigen Raum von 1996–2022 berücksichtigt, nennt als meistgenannte Studienmotivation das pädagogische Interesse der Lehramtsstudierenden. Direkt danach folgt das hier beleuchtete theologische Interesse, wobei interessant ist, dass die Studierenden insbesondere ein persönliches Interesse an Theologie äußern – einem wissenschaftlich-fachlichen Interesse an Theologie wird zwar ebenfalls, demgegenüber aber seltener zugestimmt (Fuchs/Wiedemann, 2022, 178). In den verschiedenen Items der quantitativen Studien, die in der Metaanalyse im (persönlichen) „Interesse an Theologie“ zusammengefasst werden, spielt dabei das in diesem Beitrag fokussierte studentische Interesse an theologischen Fragen sowie auch die erhoffte weitere Klärung dieser eine große Rolle (Fuchs/Wiedemann, 2022, 194; 222). Demgegenüber geben insbesondere einzelne qualitativ ausgerichtete Studien – etwa von Nina Rothenbusch (2013) zur Gottesfrage oder von Alina Bloch (2018) zur Wahrheitsfrage – Hinweise darauf, dass Studierende im Verlauf oder auch zu Ende ihres Studiums nicht selten feststellen, wichtige theologische Fragen bislang gerade (noch) nicht für sich geklärt zu haben und mitunter so auch in elementaren christlichen Grundfragen weiterhin vor großen Lücken zu stehen scheinen. Die umfangreiche Referendariatsstudie von Englert, Porzelt, Reese und Stams (2006) bestätigt diesen Eindruck auch aus rückblickender Sicht aufs Studium.
Insbesondere die tatsächliche, grundsätzliche Beschäftigung Studierender im Studium mit (persönlich bedeutsamen) theologischen Fragen stellte somit lange eine Forschungslücke dar. Im Rahmen meines Promotionsprojektes habe ich mich daher u. a. folgender Forschungsfrage gewidmet: „Inwiefern beschäftigen sich Studierende des Lehramts Theologie im Studium tatsächlich mit (persönlich bedeutsamen) theologischen Fragen – und aus welchen Gründen genau beschäftigen sie sich mit diesen Fragen?“ (Altmann, 2023, 80-81).
Das empirische Wissen hierüber kann sowohl der allgemeinen Religionspädagogik als auch spezifischer der universitären Religionslehrkräftebildung Ideen diesbezüglich geben, wie eine persönliche Auseinandersetzung mit Theologie im Studium bewusst angeregt, gefördert, begleitet und unterstützt werden kann, sodass Studierende letztlich darin bestärkt werden, in ein eigenständiges theologisches Denken hineinzuwachsen – ganz im Sinne der von der EKD angestoßenen und hochschuldidaktisch anzuvisierenden studentischen Arbeit an der eigenen Theologie.
Methodik
Die empirischen Ergebnisse, die in Kapitel 3 vorgestellt werden, habe ich mithilfe der qualitativen Forschungsmethode der Grounded Theory nach Juliet Corbin und Anselm Strauss erarbeitet (Corbin/Strauss, 2015). Ziel der Grounded Theory ist die Entwicklung einer in Daten gegründeten Theorie, wobei Corbin und Strauss den Begriff der Theorie folgendermaßen verstehen:
„For us, theory denotes a set of well-developed categories (themes, concepts) that are systematically developed in terms of their properties and dimensions and interrelated through statements of relationship to form a theoretical framework that explains something about a phenomena.“ (Corbin/Strauss, 2015, 62)
Zur Entwicklung einer so verstandenen Grounded Theory habe ich vom Sommersemester 2016 bis zum Wintersemester 2017/2018 Daten von insgesamt 51 Lehramtsstudierenden1 aus Kassel gesammelt, überwiegend mit dem Fach Evangelische und teils mit dem Fach Katholische Religion. Der Erhebungszeitraum liegt somit bereits einige Jahre zurück. Dennoch ist zu vermuten, dass die entwickelte Theorie der Auseinandersetzung Studierender mit theologischen Fragen auch mit aktuellen Perspektiven Studierender noch resoniert, wobei dies an den verschiedenen Standorten im Bedarfsfall (z. B. zwecks einer diagnostischen Erhebung von studentischen Ausgangslagen angesichts des normativen Ziels der Förderung eigener Theologien) unkompliziert individuell überprüft werden kann – etwa, indem die Theorie in hochschuldidaktischen Settings vorgestellt und gemeinsam mit Studieren diskutiert bzw. auf ihre Perspektiven hin befragt wird.
Neben weiteren (im Kontext einer zweiten Forschungsfrage2) erhobenen Daten konnte ich mich der hier im Fokus stehenden Forschungsfrage – Inwiefern setzen sich Lehramtsstudierende der Theologie mit (persönlich bedeutsamen) theologischen Fragen auseinander und aus welchen Gründen genau tun sie dies? – insbesondere mithilfe von mir zur Verfügung gestellten Reffexionstexten nähern, die Studierende in unterschiedlichen Phasen des Kasseler Studienprofils „Theologische Gespräche“ (Altmann, 2021, 350-352) angefertigt haben. Gemäß dem iterativen Vorgehen der Grounded Theory haben sich die Schritte des Theoretical Sampling – der Datensammlung nach Bedarf –, der Datenaufbereitung sowie der Analyse dabei beständig abgewechselt. Konkret habe ich zur Beantwortung meiner Forschungsfrage zunächst auf einige wenige Portfoliotexte von Studierenden zurückgegriffen, die das komplette Studienprofil „Theologische Gespräche“ erfolgreich absolviert hatten und die im studienbegleitenden Portfolio u. a. zu ihrem persönlichen Umgang mit theologischen Fragen befragt worden waren (Altmann, 2023, 113). Anhand dieser ersten erhobenen und noch überschaubaren Daten startete ich mit dem sogenannten offenen Codieren in den von mir durchgängig in MAXǪDA durchgeführten Analyseprozess (Altmann, 2023, 115-128). Zunächst las ich dabei die mir zur Verfügung stehenden Reflexionstexte sehr genau und versah sie mit ersten Codes. Von Anfang an verfasste ich zudem zahlreiche Memos am Datenmaterial entlang: In diesen verschriftlichten Notizen soll nach Corbin und Strauss – auch für spätere Phasen der Analyse – jeder Gedanke festgehalten werden, der zu einem bestimmten Datensegment als wichtig erscheint (Corbin/Strauss, 2015, 122).
Nach der Analyse der ersten Reflexionstexte blieben angesichts meiner Forschungsfrage noch viele Aspekte ungeklärt. In zwei von mir geleiteten Seminardurchgängen zur Kinder- und Jugendtheologie erhob ich daher im Sinne des Theoretical Sampling gezielt weitere Reflexionstexte Studierender zur vertieften Klärung der noch offen gebliebenen Leerstellen (Altmann, 2023, 130-133). In beiden Seminaren hatten wir regelmäßig gemeinsam Theologische Gespräche zu verschiedenen Fragestellungen durchgeführt. Anschließend hatten die Studierenden jeweils kurz Zeit bekommen, um persönliche Gedanken zu den diskutierten theologischen Fragen in einer Art Tagebuch festzuhalten. Auf Grundlage ihres rein privaten Tagebuches sollten die Studierenden schließlich als unbenotete Studienleistung eine Reflexion über ihren eigenen Umgang mit theologischen Fragen anfertigen und konnten hier etwa darüber berichten, welche Fragen sie im Semesterverlauf besonders beschäftigt haben, welche Sichtweisen sie für sich gefunden haben oder auch wie sie generell mit theologischen Fragen umgehen (Altmann, 2021, 353). Wie bereits bei den ersten erhobenen Daten nutzte ich ausschließlich die Reflexionstexte als Datenmaterial, zu denen Studierende mir ihre informierte Einwilligung bezüglich der Verwendung für meine Forschungszwecke erteilt hatten (Altmann, 2023, 113-114).
Die erhobenen Texte analysierte ich zunächst mit Methoden des offenen und dann auch des axialen Codierens. Bei letzterem liegt der Schwerpunkt darauf, durch eine permanente vergleichende Analyse aller vorhandenen Daten entwickelte Codes und Kategorien miteinander abzugleichen sowie in ihren unterschiedlichen Dimensionen und Eigenschaften differenziert auszuarbeiten und miteinander in Beziehung zu setzen. Weiterhin soll – wenn möglich – eine zentrale Kernkategorie herausgearbeitet werden, die vorhandene Codes und Kategorien schlüssig zusammenführt (Corbin/Strauss, 2015, 188). Neben dem Schreiben von Memos half mir in dieser Analysephase u. a. das Anfertigen von Diagrammen (Altmann, 2023, 128-136).
Nach dem Erheben und Analysieren der Reflexionstexte aus meinen beiden Seminaren stellte sich bezüglich meiner Forschungsfrage allmählich eine sogenannte theoretische Sättigung ein – „that is, the point in the research when all major categories are fully developed, show variation, and are integrated“ (Corbin/Strauss, 2015, 135). Mit Methoden des selektiven Codierens führte ich die Analyse daher nun zu Ende – hauptsächlich, indem ich alle meine im Prozess angefertigten Memos und Diagramme durch erneutes permanentes Vergleichen bündelnd zusammenfasste, hierbei weiterhin Codes und Kategorien ordnete bzw. anpasste und so nach und nach die von mir so benannte Theorie der Auseinandersetzung Studierender mit theologischen Fragen konstruierte. Mit der Methode des member checking habe ich die entstandene Theorie zuletzt noch einmal mit Lehramtsstudierenden der Theologie selbst diskutiert und hiernach abschließende Impulse integriert (Altmann, 2023, 136-139).
Zu meiner Forschungsfrage entstand so eine in den empirischen Daten gegründete Theorie, die ich im Folgenden in Grundzügen darlegen möchte.
Überblick
Inwiefern setzen sich Lehramtsstudierende der Theologie selbst mit theologischen Fragen auseinander? Wodurch werden sie zur Auseinandersetzung mit eben solchen Fragen angeregt und was genau veranlasst sie zu einer tieferen Beschäftigung mit diesen? Die unten dargestellte Grafik fasst meine mithilfe der Grounded Theory entwickelten Codes und Kategorien zusammen und bietet ein Erklärungsmodell für die genannten Forschungsfragen. Im Folgenden wird die Grafik von außen nach innen überblicksartig vorgestellt, wodurch nach und nach die empirisch konstruierte Theorie der Auseinandersetzung Studierender mit theologischen Fragen entfaltet und dargestellt wird.
Wie die Grafik im außenliegenden und hellsten Bereich verdeutlicht, werden Studierende meiner Forschung nach zunächst durch unterschiedliche Anstöße bzw. Impulse zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit theologischen Fragen angeregt.
Impulse zu einer weitergehenden persönlichen Beschäftigung mit bestimmten Themen können sich etwa aus Begegnungen mit anderen Menschen ergeben, beispielsweise durch Austausch und Gespräche im privaten oder auch im universitären Umfeld (Altmann, 2023, 192-196).
Auch das Studium regt Studierende zum tieferen Nachdenken über theologische Fragen an – genannt wurden universitäre und speziell theologische Fächer, daneben aber kontextbedingt etwa auch das religionspädagogisch verortete Kasseler Studienprofil
„Theologische Gespräche“ (Altmann, 2023, 196-208).
Darüber hinaus werden Studierende zudem durch ihr fortlaufendes Leben immer wieder zum Nachdenken über theologische Fragen angeregt – persönliche einschneidende Erlebnisse wie Krankheit oder Tod, aber auch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen können mitunter schwerwiegende Fragen aufwerfen und Denkprozesse anstoßen (Altmann, 2023, 208-213).
Und schließlich beschreiben viele Studierende, dass sie insbesondere durch Schüler:innen zum Nachdenken über theologische Fragen angeregt werden, etwa, weil sie – beispielsweise im Rahmen der Kasseler Forschungswerkstatt – durch diese neue Denkanstöße bekommen haben oder weil sie in Praxisphasen des Studiums die Erfahrung gemacht haben, dass Schüler:innen auf theologische Fragen Antworten erwarten (Altmann, 2023, 213-217).3
Durch die genannten Anstöße und Impulse können alle möglichen theologischen Fragen aufgeworfen und für Studierende bedeutsam werden. Beispiele für solchermaßen bedeutsam gewordene Fragen, die Studierende benannt und beschrieben haben, finden sich auf dem mittleren Bereich der Grafik. Viele Studierende beschäftigt insbesondere die Theodizeefrage, aber auch Themenkomplexe wie Gottesvorstellungen oder die Frage, was wohl nach dem Tod kommt, werden – neben zahlreichen weiteren Fragen – von vielen intensiv durchdacht (Altmann, 2023, 143).
Wie es nun aber überhaupt dazu kommt, dass eine durch einen bestimmten Impuls oder einen spezifischen Anstoß aufgeworfene theologische Frage für einzelne Studierende auch persönlich bedeutsam und daraufhin von diesen tiefer durchdrungen wird, erklären die auf der Grafik innenliegenden Kästen. Eine spezifische theologische Frage kann für Studierende meiner entwickelten Theorie nach aufgrund von drei unterschiedlichen Motivationen zur tieferen gedanklichen Auseinandersetzung mit ebendieser Frage bedeutsam werden: Lehramtsstudierende mit dem Fach Religion beschäftigen sich mit einer bestimmten theologischen Frage deshalb näher, weil sie ihre eigene Gottesbeziehung klären wollen (hellgrüner Kasten links), weil sie sich in Bezug zur Gesellschaft positionieren wollen (blauer Kasten in der Mitte) oder weil sie Fragen im Hinblick auf Schüler:innen klären wollen (dunkelgrüner Kasten rechts) (Altmann, 2023, 143).
Alle drei Motivationen, die zur tieferen Auseinandersetzung mit einer theologischen Frage führen können (und die im Folgenden konkreter vorgestellt werden sollen), laufen zugleich in einer gemeinsamen großen Grundmotivation zusammen, die im braunen Kasten unten visualisiert ist: Im Durchdenken und Klären persönlich bedeutsam gewordener theologischer Fragen – ob dies nun um der persönlichen Gottesbeziehung, einer gesellschaftlichen Positionierung oder einer Klärung hinsichtlich zukünftiger Schüler:innen willen geschieht – geht es letztlich immer um die Klärung und Sicherung der eigenen Identität (Altmann, 2023, 144-150).
Nachdem theologische Fragen also durch verschiedenste (äußere) Impulse oder Anstöße aufgeworfen wurden, liegt es daraufhin an der (intrinsischen) Motivation Studierender, wie und auf welche Art sie sich mit diesen theologischen Fragen tatsächlich intensiver auseinandersetzen.
Um einer besseren Nachvollziehbarkeit der Theorie willen gehe ich im Folgenden auf die in der Mitte der Grafik links dargestellte Motivation beispielhaft anhand von Zitaten einer exemplarischen Studentin ausführlicher ein (in der Arbeit werden zur Entfaltung der Theorie neben dieser Studentin etliche weitere Zitate anderer Studierender herangezogen). Die anderen beiden Motivationen zur Auseinandersetzung mit theologischen Fragen werden anschließend knapper vorgestellt. Alle Ausführungen unter
beziehen sich dabei erneut auf die oben dargestellte Abbildung 1.
Motivationen zur Auseinandersetzung mit theologischen Fragen
Die eigene Gottesbeziehung klären wollen (Altmann, 2023, 151-166)
Einige Studierende begreifen sich in ihrer Identität grundlegend als Glaubende. Theologische Fragen können für sie im Lichte ihres Glaubens bedeutsam werden, weil sie ihre eigene Wirklichkeit mit Gott zusammen denken wollen. Besonders drängend können für glaubende Studierende mitunter Lebenserfahrungen werden, die sie nicht mit Gott zusammenbringen können und die daher große Fragen aufwerfen. Speziell die Theodizeefrage kann für viele Studierende drängend werden, wenn sie nicht (mehr) wissen, wie sie ihre eigene erfahrene Wirklichkeit mit Gott zusammen denken können. Sehr eindrücklich schildert dies Lore, die einen guten Freund verloren hat:
„Wenn man selbst nicht von so etwas betroffen ist, macht man sich glaube ich gar keine großen Gedanken darüber. Aber so hat es mich mit einem festen Schlag mitten ins Gesicht getroffen. Warum hat Gott zugelassen, dass ein so junger, lebensfroher Mensch aus dem Leben scheiden muss? Warum hat Gott zugelassen, dass seine Familie […] in so tiefer Trauer erstickt? Es ist einfach nicht zu fassen. Und diese Frage geht einem immer und immer wieder durch den Kopf.“ (Z. 7f.)
Die Frage nach dem Warum ist bei Lore immens drängend, da sie ihre innerste Identität als Glaubende betrifft. Weil sie ihre Wirklichkeit mit Gott zusammen denkt, muss Lores Überzeugung nach auch der Tod ihres Freundes etwas mit Gott zu tun haben; nie hinterfragt sie die geglaubte Wirklichkeit Gottes. Und gerade dadurch gewinnt die Theodizee-Frage eine solche Bedeutung für Lore, da sie ihre Identität selbst betrifft und sie diese nicht ohne Gott denken kann bzw. will. Um weiterhin ihre identitätsstiftende Gottesbeziehung in irgendeiner Form weiter leben zu können, ist es essenziell für Lore, dass sie eigene (vorläufige) Standpunkte für sich findet: „Noch nie war die Auseinandersetzung mit Leben und Tod für mich von so großer Bedeutung wie momentan“ (Z. 14). Nach einiger Zeit schließlich findet Lore dann tatsächlich trotz der so vielen noch offenen Fragen angesichts des frühen Todes ihres guten Freundes ein wenig Trost und Hoffnung in einer Annahme, die für sie und ihre Gottesbeziehung zumindest vorläufig zufriedenstellend scheint: „Natürlich wird er von oben auf seine Liebsten aufpassen“ (Z. 18).
Dabei ist vielen Studierenden durchaus bewusst, dass sie ihre schließlich gefundenen Standpunkte zu einem späteren Zeitpunkt ggf. auch wieder revidieren oder weiterentwickeln müssen. Im sich entwickelnden Glauben können so auch immer wieder neue theologische Fragen vor dem Hintergrund der eigenen Gottesbeziehung für Studierende bedeutsam werden – und mitunter sogar ähnliche Fragen wieder und wieder. Im wiederholten Zusammen-Denken-Wollen von Gott und Wirklichkeit und im wiederholten Einnehmen eigener (vorläufiger) Standpunkte geht es dabei zusammenfassend schließlich immer um Klärungs- und Sicherungsprozesse der eigenen Identität als glaubender Person.
Die beiden anderen Motivationen zur Auseinandersetzung mit theologischen Fragen werden nun überblicksartiger vorgestellt, sind aber ebenfalls durch vielfältige Zitate Studierender entwickelt worden.
Sich in Bezug zur Gesellschaft positionieren wollen (Altmann, 2023, 166-180)
Unabhängig davon, ob sie sich als Glaubende begreifen oder nicht, ist es einigen Studierenden ein Anliegen, theologische Fragen in Bezug zur Gesellschaft persönlich klären und begründen zu wollen. An gesellschaftlich diskutierten Fragen, die auch ihnen persönlich wichtig geworden sind, nennen Studierende hierbei etwa Fragen nach nachhaltig-verantwortlichem Handeln, Religionskritik oder Inklusion. Auch wenn es zu den ihnen bedeutsam gewordenen Fragen bereits ein gesellschaftlich vertretenes Spektrum verschiedenster Positionen gibt, entwickeln Studierende hierbei die Motivation, in Zustimmung oder Abgrenzung zu anderen Positionen eine für sich selbst und individuell stimmige Position einzunehmen. Die Motivation, sich in Bezug zur Gesellschaft persönlich positionieren zu wollen, kann sich dabei nicht nur auf die allgemeine Makroebene der Gesellschaft beziehen, sondern auch auf Mesoebenen wie den engeren Freundes- oder Familienkreis. Durch unterschiedlichste Impulse angestoßen, können sich eigene Überzeugungen nach einiger Zeit im eigenen Entwickeln innerhalb der Gesellschaft zudem auch wieder ändern. So können fortlaufend neue, in Bezug zur Gesellschaft bedeutsam werdende Fragen entstehen, die individuell geklärt und begründet werden wollen. Eine solch individuelle Positionierung zur Gesellschaft klärt und sichert schließlich wiederum zentrale Aspekte der eigenen Identität, die immer auch in die Gesellschaft eingebunden ist.
Fragen im Hinblick auf Schüler:innen klären wollen (Altmann, 2023, 180-189)
Eine dritte Motivation Studierender, sich mit theologischen Fragen auseinander zu setzen, betrifft schließlich eine konkrete Gruppierung der Gesellschaft und wird um ihrer Bedeutsamkeit willen hier eigens vorgestellt: Für einige Studierende werden theologische Fragen bedeutsam, weil sie sich bereits im Studium auf ihre (späteren) Schüler:innen vorbereiten wollen. Im Wissen um theologische Fragen, die in der Schule thematisiert werden könnten, möchten Studierende diese schon jetzt klären, um für ihre zukünftige Lehrtätigkeit bestmöglich gerüstet zu sein. Gerade in Hinblick auf ihre baldige (Teil-)Identität als Religionslehrkraft gibt es Studierenden daher Klarheit und Sicherheit, mögliche Antwortansätze für Schüler:innen zu finden, die sie diesen bei Bedarf an die Hand geben könnten. Immer wieder begegnen Studierende dabei auch in der ersten Ausbildungsphase schon theologischen Fragen, die entweder von realen Schüler:innen aufgeworfen werden oder die sie als relevant für spätere Schüler:innen einschätzen. Genau solchen relevant erscheinenden Fragen und Themen widmen sie sich dann – häufig aus der Motivation heraus, später eine gute Religionslehrkraft sein zu wollen: Denn schließlich betrifft die Lehrtätigkeit in der Schule einen zukünftigen Teilbereich der Identität vieler Lehramtsstudierender, mit welchem sich einige Studierende schon jetzt stark zu identifizieren beginnen und welchen sie im Finden von Antworten für zukünftige Schüler:innen bereits im Studium klären und sichern wollen.
Auseinandersetzung mit theologischen Fragen als Weg zur eigenen Theologie
Zusammenfassend resultiert die persönliche Beschäftigung mit einer theologischen Frage meiner Theorie nach einerseits aus einem äußeren Anstoß / Impuls und andererseits aus einer bestimmten leitenden intrinsischen Motivation heraus.
Anstöße und Impulse zur Arbeit an der eigenen Theologie in Form der Auseinandersetzung mit theologischen Fragen erhalten Studierende nicht nur über den universitären Kontext, sondern zudem über außeruniversitäre Begegnungen, das fortlaufende Leben allgemein sowie über den Kontakt mit Schüler:innen. Einige Studierende begegnen in ihrem Alltag regelmäßig theologischen Fragen und lassen sich in vielfältigsten Situationen – etwa am Abendbrottisch der WG oder auch in kirchlichen Kontexten – auf entsprechende Gedankenimpulse sowie Gespräche mit anderen ein. Häufig nutzen diese Studierenden auch universitär vermittelte Theologie gezielt, um sich hierdurch zum weiteren selbstständigen Nachdenken anregen zu lassen. Andere Studierende hingegen beschäftigen sich privat kaum näher mit theologischen Fragen und finden schließlich auch im universitären Raum nur schwer in eine eigenständige Beschäftigung hinein (Altmann, 2023, 481).
Die Theorie der Auseinandersetzung Studierender mit theologischen Fragen verdeutlicht über die quantitative Studienlage zum allgemein hohen theologischen Interesse von Lehramtsstudierenden mit dem Fach Religion (2.1) hinaus noch tiefergehender, warum einzelne Studierende sich mit bestimmten theologischen Fragen auseinandersetzen und damit an ihrer eigenen Theologie arbeiten – oder eben auch nicht: Studierende, so die empirische These der Theorie, setzen sich dann mit aufgeworfenen Impulsen theologischer Fragen tiefer auseinander, wenn sie selbst eine gewisse (intrinsische) Motivation dazu verspüren; wenn sie also eine theologische Frage um ihrer persönlichen Gottesbeziehung, um einer eigenen Positionierung in der Gesellschaft und/oder um ihrer (zukünftigen) Schüler:innen willen klären wollen. Studierende können dabei theologische Fragen je nach aktueller Situation aus einzelnen oder auch aus mehreren Motivationen heraus durchdenken. Einige Studierende beschreiben eine stark empfundene Verwobenheit der verschiedenen Motivationen: Insbesondere Studierende, die sich mit theologischen Fragen primär vor dem Hintergrund ihrer eigenen Gottesbeziehung auseinandersetzen, berichten, dass diese Motivation für sie immer mitklingt – auch etwa, wenn sie Fragen im Hinblick auf zukünftige Schüler:innen bedenken. Dies trifft aber längst nicht auf alle Studierenden zu. Andere Studierende klären theologische Fragen gewohnheitsmäßig etwa nur aus einer einzigen Motivation heraus; etwa, um auf zukünftige Schüler:innen vorbereitet zu sein (Altmann, 2023, 219-222). Warum genau sich Studierende auch mit theologischen Fragen beschäftigen: Letztlich geht es um Klärungs- und Sicherungsprozesse der eigenen Identität (Altmann, 2023, 481-482).
Das Bedürfnis vieler Studierender nach einer identitätsbezogenen Klärung theologischer Fragen sollte daher auch universitär bewusst aufgegriffen werden, um Studierende auf dem Weg hin zu einer eigenen Theologie zu unterstützen – oder um im Zweifelsfall einen solchen Weg mit anzubahnen. Hierfür ist es sinnvoll, den Studierenden neben der Vermittlung von Fachwissen immer wieder auch Gelegenheit zum persönlichen Bedenken theologischer Fragen zu geben und dabei freie Räume für eine solche Auseinandersetzung aus den drei dargestellten Motivationen heraus zu schaffen. Dies hilft Studierenden nicht nur dabei, ihre eigene Identität als glaubende, als in der Gesellschaft verortete und/oder als (zukünftig) unterrichtende Person weiter zu sichern und zu klären: Sie entwickeln hierdurch auch eine reflektierte und transparente Positionalität und arbeiten dadurch an ihrer eigenen Theologie.
Zuletzt soll daher in Kapitel 4 als hochschuldidaktischer Ausblick eine beispielhafte von mir entwickelte Seminarkonzeption skizziert werden, die Studierende über die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit persönlich bedeutsamen theologischen Fragen auf dem Weg zur eigenen Theologie begleiten will.
Lehramtsstudierende mit dem Fach Religion beginnen nicht nur vielfach ihr Studium aus einem persönlichen theologischen Interesse heraus, sondern sie setzen sich als „Co-Agents“ (EKD, 2025, 9) auch während der Zeit ihres Studiums häufig intensiv mit ihnen persönlich bedeutsam gewordenen theologischen Fragen auseinander, die durch unterschiedlichste inner- und außeruniversitäre Impulse angestoßenen wurden. Individuell-persönliche Reflexionen theologischer Fragen sind damit längst nicht nur auf den universitären Raum beschränkt, sollten aber auch hier stattfinden können – denn Anspruch der Religionslehrkräftebildung ist, zur umfassend verstandenen „Bildung junger Erwachsener bei[zu]tragen: als Personen; als Menschen, die sich in unterschiedlicher Dringlichkeit mit ihren Entwicklungsaufgaben […] befassen; als religiös Suchende“ (EKD, 2025, 31).
Im Sinne einer aus diesen Gedanken resultierenden und konsequenten Subjektorientierung „für die gesamte (Aus-)Bildung angehender Religionslehrer*innen“ (EKD, 2025, 8) sollten daher auch in universitären Lehrveranstaltungen Wege erprobt werden, die Studierende als Subjekte in den Vordergrund stellen und die darüber hinaus ggf. sogar auf eine „induktive Didaktik“ (EKD, 2025, 8) abzielen. Hierbei ist etwa an Bezugnahmen auf studentische biografische Bezüge zu Religion oder auch auf religiöse Verortungen der angehenden Lehrkräfte zu denken. Denn Studierende benötigen – nicht nur, aber durchaus auch im universitären Kontext – Räume, in denen sie ihre persönlichen Sichtweisen und Haltungen zur Sprache bringen und über diese in einen ehrlichen Austausch kommen dürfen, um so ihre Positionierungen in Auseinandersetzung mit theologischer Fachwissenschaft weiterentwickeln zu können (Altmann, 2023, 483). Entsprechend empfiehlt der überarbeitete EKD-Text 96 für die erste Phase der Lehrkräftebildung u. a. folgende selbstreflexive Fragen: „Wie bewerte ich persönlich den theologischen Inhalt vor dem Hintergrund meiner religiösen Vorerfahrungen? Inwieweit verändert sich meine eigene Theologie?“ (EKD, 2025, 23).
Neben Angeboten etwa der Hochschulgemeinden, der kirchlichen Studienberatung oder beispielsweise theologisch-systematischer Veranstaltungen, die immer wieder auch Impulse für einen Bezug der Theologie zu eigenen Sichtweisen bieten werden, habe auch ich mit einer religionspädagogisch verorteten Seminarkonzeption bewusst versucht, Studierenden im Rahmen einer Grundlagenveranstaltung zur Leitung Theologischer Gespräche regelmäßig Gelegenheit dazu zu geben, sich über eigene theologische Positionierungen klar(er) zu werden und diese im Austausch mit der Seminargruppe sowie im Austausch mit eingebrachten theologischen Deutungsperspektiven weiterzuentwickeln. Hiermit sollte nicht zuletzt eine Theologie von, mit und für Studierende(n) bzw. ein gelegentliches universitäres Theologisieren mit Studierenden ermöglicht werden, was so bislang hochschuldidaktisch meines Wissens noch wenig Beachtung findet (Altmann, 2023, 483).
Die entwickelte Lehrveranstaltung habe ich in einem eigenen Beitrag näher beschrieben und ausgeführt, sodass sie mitunter auch auf andere universitäre Kontexte transferiert werden kann (Altmann, 2021). Im Seminar wird zum einen grundlegend ins religionspädagogische Konzept der Kinder- und Jugendtheologie eingeführt. Zum anderen sollen die Studierenden Gelegenheit erhalten, selbst an ihnen persönlich bedeutsamen theologischen Fragen und damit an ihrer eigenen Theologie weiterzuarbeiten. Im Folgenden wird der zweitgenannte Teil des Seminars, der dieser Arbeit an der eigenen Theologie dient, knapp als ein mögliches hochschuldidaktisches Beispiel für eine subjektorientierte und (teils) induktiv erstellte Seminarkonzeption vorgestellt.
Die Seminarkonzeption zur Leitung Theologischer Gespräche beginnt mit einer Sammlung theologischer Fragen, welche den Seminarteilnehmenden aktuell als persönlich bedeutsam erscheinen. Auf diesen Fragen wird erst dann induktiv von der Seminarleitung der Seminarplan aufgebaut – und über diese Fragen kommen Seminarleitung und Studierende Sitzung für Sitzung immer wieder auch selbst gemeinsam ins Theologisieren (Altmann, 2021, 351). Beispielhaft verdeutlicht das folgende Zitat eines Studenten, dass dieses induktive und subjektorientierte Vorgehen vielen Teilnehmenden entgegenkommt – und dass sie hierdurch ihrer eigenen Wahrnehmung nach nicht zuletzt auf Facetten zukünftigen Unterrichtens vorbereitet werden:
„Der Austausch über seine eigenen Gedankengänge kann sehr wichtig und bereichernd sein. Dies habe ich auch häufig in den Theologischen Gesprächen in diesem Seminar gemerkt. Durch Aussagen von anderen Studierenden erhält man neue Denkanstöße oder kann seine eigenen Vorstellungen vertiefen. Aus diesem Grund bin ich der Meinung, dass im Studium noch mehr Raum für die eigenen theologischen Fragen ermöglicht werden sollte. Ich kann später nur Theologische Gespräche führen, wenn ich selbst grundsätzliche Vorstellungen zu bestimmten Themen habe, die ich dann auch gegenüber meinen Schülerinnen und Schüler äußern kann. Denn wie soll ich Schülerinnen und Schülern helfen, ihre theologischen Fragen zu beantworten, wenn ich das selbst bei mir noch nicht geschafft habe?“ (Altmann, 2021, 358)
Nach den jeweils gemeinsam durchgeführten Theologischen Gesprächen im Sinne eines Theologisierens mit Studierenden erhalten die Studierenden anschließend jeweils kurz Zeit, um ihre aktuellen theologischen Sichtweisen zu den behandelten Fragen in einem eigenen Tagebuch festzuhalten, das rein privat gedacht ist. Als Studienleistung / unbenotete Leistung o. Ä. bietet sich nach Abschluss des Seminars eine Reflexion über den eigenen Umgang mit theologischen Fragen an, welche auf den eigenen Einträgen des Tagebuchs basieren kann (Hinweise hierzu finden sich unter 2.2). Hierdurch knüpft das Format des Tagebuchs an die im EKD-Text vorgeschlagene Idee eines Portfolios an, welches einerseits „eine hohe innere Verbindlichkeit aufweisen, andererseits jedes Element einer spirituellen Kontrolle vermeiden“ (EKD, 2025, 55) sollte.
Insgesamt hat die von mir mehrfach durchgeführte Seminarkonzeption zur Leitung Theologischer Gespräche gezeigt, dass Studierende über das gewählte induktive und subjektorientierte Format nicht nur in didaktische Überlegungen hineinfinden, wie sie mit theologischen Fragen von Schüler:innen umgehen könnten, sondern dass sie gleichsam selbst ins Theologisieren kommen, indem sie theologische Fragen vor dem Hintergrund einer etwaig vorhandenen persönlich geglaubten Gottesbeziehung oder auch vor dem Hintergrund einer eigenen Verortung in der pluralen Gesellschaft durchdenken. In der oben präsentierten Theorie der Auseinandersetzung Studierender mit theologischen Fragen werden den Studierenden in der Seminarkonzeption damit bewusst Möglichkeiten eröffnet, um theologische Fragen aus den drei verschiedenen Motivationen heraus zu reflektieren. Hierdurch gelangen viele Studierende zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit theologischen Fragen und damit zur Arbeit an der eigenen Theologie, wie abschließend folgendes Zitat einer teilnehmenden Studentin verdeutlicht:
„Insgesamt möchte ich festhalten, dass ich mich bisher zu wenig mit theologischen Fragen und daraus resultierend auch mit theologischen Gesprächen beschäftigt habe. Meiner Meinung nach kommt man zu wenig mit Kommilitonen und Kommilitoninnen ins Gespräch über solche persönlichen und wichtigen Fragestellungen. Dafür war dieses Seminar wirklich hilfreich und toll. Ich habe eine persönliche Weiterentwicklung wahrgenommen. Durch die Beiträge anderer Studierender konnte ich mich intensiver mit den Fragestellungen auseinandersetzen. Oft habe ich in meinem Tagebuch daher auch Meinungen anderer Studierender festgehalten, um anschließend zu merken: „Stimmt ja, das lässt sich zu deinem eigenen Gedanken noch sehr gut ergänzen“ oder „Mit diesem Gedanken habe ich mich bisher kaum/gar nicht auseinandergesetzt“. Ich erhoffe mir, dass solche theologischen Gespräche und ein Austausch darüber öfter stattfindet und in der Universität angeboten wird. Ich denke, dass man sich dadurch noch freier entfalten kann.” (Altmann, 2021, 357)
Als ein hochschuldidaktischer Weg des universitären Aufgreifens und Förderns einer Theologie von, mit und für Studierende(n) kann daher die entwickelte Seminarkonzeption Studierende dazu ermutigen, an der eigenen Theologie weiterzudenken – um zukünftig nicht nur bei Bedarf unterrichtlich eigene theologische Positionalität vermitteln zu können, sondern um Schüler:innen letztlich in ihrer Weiterentwicklung individuell stimmiger Positionierungen zu unterstützen (Altmann, 2023, 485-486).
Altmann, Carolin M. (2021), „Ist die Coronapandemie von Gott gewollt?“ Eine auf aktuellen Fragen Studierender basierende Seminarkonzeption zum religionsdidaktischen Ansatz Theologischer Gespräche, in: HLZ – Herausforderung Lehrer*innenbildung 4/1, 344-364, https://doi.org/10.11576/hlz-4173 [Zugriff: 03.02.2026].
Altmann, Carolin M. (2023), Von der Verknüpfung eigenen Theologisierens mit der Leitung Theologischer Gespräche. Eine Grounded Theory Forschung mit hochschuldidaktischen Implikationen (Arbeiten zur Religionspädagogik 75), Göttingen.
Bienert, Maren/Hailer, Martin (2025), Professionswissen und eigene Theologie. Eine systematisch-theologische Reflexion des (unbegleiteten) studentischen Unterrichtens, in: Theo-Web 24/01, S. 123–132, https://doi.org/10.58069/theow.2025.1.43 [Zugriff: 06.05.2026].
Bloch, Alina (2018), Interreligiöses Lernen in der universitären Religionslehrerausbildung (Empirische Theologie 29), Münster.
Charmaz, Kathy (2014), Constructing Grounded Theory, Los Angeles/London/Washington DC.
Corbin, Juliet M./Strauss, Anselm L. (2015), Basics of Ǫualitative Research. Techniques and procedures for developing Grounded Theory, Los Angeles/London/Washington DC.
EKD (2025), Koblenzer Konsent zur evangelischen und katholischen Religionsdidaktik: Theologische Positionalität im Kontext religiöser Bildung, https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/Text_Koblenzer_Konsent_zur_evangelischen_un d_katholischen_Religionsdidaktik_2025.pdf [Zugriff: 27.01.2026].
EKD (2025), Die theologisch-religionspädagogische Professionalität evangelischer Religionslehrer:innen (EKD-Texte 96, vollständig überarbeitete Neuauflage), Hannover. Englert, Rudolf/Porzelt, Burkard/Reese, Annegret/Stams, Elisa (2006, Hg.), Innenansichten des Referendariats. Wie erleben angehende Religionslehrer/innen an Grundschulen ihren Vorbereitungsdienst? Eine empirische Untersuchung zur Entwicklung (religions-)pädagogischer Handlungskompetenz (Forum Theologie und Pädagogik 14), Berlin.
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Freudenberger-Lötz, Petra/Altmann, Carolin M. (2022), Professionalisierung in Theologischen Gesprächen – eine qualitative Teilstudie der Projekte PRONET C PRONET², https://doi.org/10.21249/DZHW:pronet2016:1.0.0 [Zugriff: 06.05.2026].
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Riegel, Ulrich/Zimmermann, Mirjam (2022), Studium und Religionsunterricht. Eine bundesweite empirische Untersuchung unter Studierenden der Theologie (Religionspädagogik innovativ 47), Stuttgart.
Rothenbusch, Nina (2013), Studentische Gottesvorstellungen. Empirische Untersuchungen zur Professionalisierung der Wahrnehmung (Beiträge zur Kinder- und Jugendtheologie 16), Kassel.
Dr. Carolin M. Altmann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik der Evangelischen Religionslehre in Wuppertal und arbeitet insbesondere zur Theologie von und mit Kindern, Jugendlichen und Studierenden sowie zu Religion in der Grundschule.
1 Die Studierenden studierten im angegebenen Zeitraum eines der Lehrämter für folgende Schulformen: Grundschule/Haupt- und Realschule/Gymnasium/Berufliche Schulen.
2 Im Zuge einer zweiten Forschungsfrage habe ich untersucht, inwiefern sich eigenes theologisches Nach-und Mitdenken Studierender in von ihnen geleiteten Theologischen Gesprächen im Rahmen der drei einzunehmenden Rollen der Lehrkraft konkretisieren kann (Altmann, 2023, 93). Im Kontext dieser Forschungsfrage habe ich eine Vielzahl an unterrichtlich erhobenen Theologischen Gesprächen, die Kasseler Studierende im Rahmen der „Forschungswerkstatt“ (Freudenberger-Lötz, 2007) durchgeführt haben, untersucht. Diese Transkripte wurden zur weiteren Nutzung für hochschuldidaktische und/oder wissenschaftlich-forschende Zwecke veröffentlicht (Freudenberger-Lötz/Altmann, 2022).
3 Teils mögen meine gewählten Codes/Kategorien Ähnlichkeiten zu anderen Codes/Kategorien aufweisen – so könnte man z. B. argumentieren, dass Begegnungen auch im Studium, im fortlaufenden Leben oder im Kontakt mit Schüler:innen eine Rolle spielen. In meiner Analyse der Daten erschienen mir alle gewählten Begrifflichkeiten jedoch als produktiv, um die von mir wahrgenommenen Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den studentischen Reflexionstexten im Kontext einer zusammenführenden Theorie abzubilden. Bei qualitativ-empirischer Forschung geht es aufgrund von ontologischen bzw. epistemologischen Grundannahmen über die (erforschbare) Wirklichkeit sowie aufgrund von einer aktiven und sichtbaren Rolle der Forschenden weniger darum, objektiv wahre Tatsachen aufzudecken als vielmehr darum, eine schlüssige Erzählung über die Daten zu konstruieren, die natürlich beispielsweise glaubwürdig sein oder Resonanz bei Lesenden wecken soll (Charmaz, 2014, 337-338).
Theo-Web Nr. 1/2026, ISSN 1863-0502 Open Access, Licence: CC BY 4.0 International © 2026 Meyer/Schwarz